Cent-Auktionen

Ich habe in letzter Zeit immer wieder von so genannten Cent-Auktionen gehört, bei denen man zu einem Bruchteil des eigentlichen Verkaufspreis  hochwertige Artikel (Notebooks, Smartphones, ja sogar Autos) ersteigern kann.Es war von iPhones zu hören, die man für unter 10 Euro erhalten könnte, von Traumreisen für unter 20 Euro und neuen PKWs für unter 100 Euro.



Was meine Recherche ergab, ist Folgendes:
Ja, es gibt augenscheinlich diese Schnäppchen ... und ja, es ist eine reine Glückssache, ob man einen solchen Artikel günstig gewinnt oder eben nicht. Es handelt sich nach meinem Eindruck vom Charakter her deshalb auch eher um eine Lotterie, als um eine Auktion.

Der Praxistest

Es gibt eine ziemliche Vielzahl an Cent-Auktionsplattformen, die man im Netz findet und bei denen eine Sofort-Online-Registrierung möglich ist - man somit sofort ins Bietvergnügen einsteigen kann.

Ich suchte mir zum hautnahen Miterleben willkürlich einen der Anbieter heraus ... es hätte aber jeder sein können - ich nenne deshalb hier auch nicht den Namen, weil es gar nicht darum geht, einen Anbieter besonders hervorzuheben oder den Eindruck zu erwecken, dass es um diese spezielle Plattform im Besonderen geht. Nein, mir geht es nur darum, diese  Auktionsart genauer vorzustellen.

Das Bietverfahren

Gleich zu Beginn muss man so genannte Bids kaufen. Bids muss man immer dann einsetzen, wenn man ein Gebot auf einen Artikel abgeben möchte. Mit jedem Gebot erhöht sich dann der Auktionspreis um einen Cent.
 
Als Neuling wird einem der Kauf von Bids etwas versüßt, da man durch Rabattaktionen und/oder Gutscheincodes dieselbe Anzahl, die man gekauft hat, gratis noch mal zusätzlich erhält. Ich hatte einen solchen Code und bekam für meine knapp 30 Euro dann insgesamt etwa 500 Bids.

Gleich zu Beginn erhält man als Novize dann auch die Gelegenheit, bei exklusiven  Neukunden-Auktionen günstig weitere Bids zu ersteigern. 
Hier warten dann schon ein paar Punkte, die man beachten sollte:

Bei den Neukunden-Auktionen werden Bundle von 50 bis 100 Bids angeboten. Man sollte deshalb nicht auf das erste Angebot eingehen, sondern sich eine Auktionen mit der höchsten Bidzahl aussuchen. Außerdem sollte man sich bei diesen Neukunden-Auktionen nicht hochbieten lassen oder mitbieten, wenn schon ein Gebot vorliegt. 

Um es klar zu sagen, die Angebote sind so häufig und die Neukunden nicht so üppig, als dass es nicht möglich wäre, diese Auktionen für 1 Cent zu gewinnen!

Also hier schon mal die erste Regel:
Ruhe bewahren und sich erst mal orientieren!

Bezahlen und Bieten

Eine kleine Überraschung wartet dann bei den Geboten und nach dem Zuschlag dann auch gleich wieder - genau genommen sind es zwei Überraschungen. 
Zunächst die kleinere: Wenn man dann die Auktion der weiteren Bids, die zum Bieten berechtigen, gewonnen hat, dann zahlt man nicht nur den 1 Cent, sondern auch noch eine Gebühr, die bei 49 Cent beginnt und bei großen bzw. wertvolleren Artikeln auch weitaus höher (das höchste, was ich gesehen habe, waren 17,50 Euro) ausfallen können.
Das ist zwar unschön, aber hätte ich vorher die AGBs gelesen, dann wär's wohl auch nicht so eine Überraschung gewesen. 

Kurzum Regel zwei:
AGBs lesen und sich nicht über zusätzliche Gebühren wundern!

Einen viel gravierenden Punkt, den man (zumindest aber: ich) in seiner ganzen Tragweite erst in der Praxis einschätzen kann, ist, dass ein Gebot nicht nur einen Bid kostet, sondern bei hochwertigeren Artikeln auch mal 6, 7 oder 8 Bids kosten kann. Das hört sich ja erst mal nicht so bedeutend an. Wenn man aber überlegt, dass aus ursprünglich 240 Bids, dann nur noch 30 Möglichkeiten werden, auf einen Artikel mitzubieten, dann hat das schon Auswirkungen auf Einsatz und Erfolgsaussichten. 
Man muss mal überlegen, dass 30 Bids gerade mal ausreichen, um einen gesteigerten Auktionspreis von 60 Cent mitzugehen (wenn man davon ausgeht, dass jedes eigene Gebot überboten wird und man dann direkt wieder zurück überbietet) ... 

Das bedeutet in der Konsequenz, dass man in einem Bieterwettstreit keinen allzu langen Atem hat und man in einer weiteren Konsequenz erst mal dafür sorgen muss, dass man einen viel größeren Vorrat an Bids haben muss. Und die kann man fortlaufend in weiteren Auktionen ersteigern oder aber hinzukaufen.



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Das Bietsystem und Bieterverhalten

Bei jedem Artikel wird eine Laufzeit für die jeweiligen Gebote angegeben. Die kann von 2 Minuten, die es dauern darf, bis ein weiteres Gebot erfolgt, bevor der Zuschlag erfolgt, bis runter zu 5 Sekunden betragen. Bietet niemand weiteres innerhalb der genannten Frist, dann hat man den Auktionsgegenstand gewonnen. Bietet aber jemand einen Cent mehr, dann läuft die Frist wieder neu los usw. usf.
Durch dieses System ist klar, dass man zum Ende hin jede Menge Bids zur Verfügung haben sollte, um alle Konkurrenten aus dem Feld schlagen zu können: Hat man sich dann für eine Auktion mit einem Einsatz von 8 Bids pro Gebot entschieden, dann wird schnell klar, dass das Bidkonto schnell schrumpft, wenn man alle paar Sekunden auf den "Bieten"-Button drückt. 

Neben der Tatsache, dass niemand mehr bietet und man so den Artikel ersteigert, gibt es natürlich auch noch eine technische Komponente bei dem Ganzen. Wenn man nämlich immer erst recht knapp vor dem Ablauf der Bietzeit setzen will und dann eine entscheidende Zehntelskunde zu lange wartet,  dann kann es sein, dass man einfach zu spät dran war und das Gebot nicht mehr angenommen wird ... dann hat man zu hoch gepokert.

Das Bieten kurz vor Ablauf der Zeit macht bei Auktionen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt enden (z.B. ebay)  natürlich Sinn, weil die Mitbieter wenig bis keine Gelegenheit haben, das Gebot zu übersteigen. Bei Cent-Auktionen, bei denen eine Frist immer wieder neu beginnt, erzielt man diesen Effekt nicht. Das Kurz-vor-Knapp-Bieten verhindert nur, dass man die ohnehin kurze Laufzeit nicht noch unnötig verkürzt und so unfreiwillig (für die Plattformbetreiber aber umso lukrativer, da jede Menge zusätzliche Bids eingesetzt werden) die Bietfrequenz erhöht.


Veranschaulichung an einem Beispiel (in einer Zweier-Biet-Konstellation)

Die Bietzeit beträgt 5 Sekunden: Warte ich immer bis kurz vor Schluss mit meinem neuen Gebot, dann erfolgt alle 5 Sekunden ein neues Gebot. Das ergibt ca. 12 Gebote pro Minute - so weit, so klar. Risiko ist, dass ich einen Moment zu lange warte und mein Klicken nicht mehr angenommen wird.

Erhöhe ich den Preis aber jetzt jedes Mal, sobald ein neues Angebot eingegangen ist, also so nach etwa 2 Sekunden und der andere wartet bis zum Schluss, dann kommen in einer Minute schon 17 Gebote mit dem jeweiligen Bideinsatz zustande.

Ist der andere jetzt ähnlich flink, wie man selbst, unterwegs und hofft einen zu demotivieren, indem er auch immer sofort setzt, sobald sein Preis geschlagen wurde und es ergibt sich ein 2-Sekunden-Rhythmus auf beiden Seiten, dann haben wir es mit sage und schreibe 30 Bietvorgängen pro Minute zu tun. Handelt es sich jetzt um eine Auktion mit 8-Bid-Einsatz pro Gebot, so werden dann mal locker flockig 240 Bids in einer Minute durchgejagt, die die Beteiligten unter Umständen 15 bis 20 Euro gekostet haben. Bietet man sich jetzt einen 5-minütigen Showdown, dann hat man den Auktions-Preis zwar "nur" um 1,50 Euro erhöht, dabei aber über 500 Bids oder 30 bis 50 Euro eingesetzt. Rechnet das mal pro Stunde aus ... 

Gewinnt man bei diesem Vorgehen z.B. einen Tablet PC, dann ist das immer noch ein lukratives Schnäppchen und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass man den Artikel für einen Bruchteil des Ladenverkaufspreises erstanden hat. Kommen aber plötzlich neue Bieter hinzu oder hat der andere den längeren Atem oder gehen einem die Bids aus, dann war alles für die Katz und die eingesetzten Bids (und somit auch das eingesetzte Geld, das man in Bids investiert hatte) sind unwiderruflich weg, ohne dass man einen Gegenwert erhalten hätte. Das ist der große Unterschied zu traditionellen Auktionen, bei denen man nur dann zahlt, wenn man den Zuschlag erhalten hat: Bei Cent-Auktionen zahlt man alleine schon fürs Bieten!


Weitere Regeln / Punkte zur Beachtung
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Regel Nummer drei:
Macht Euch bewusst, wie viel Ihr investieren wollt und räumt nicht durch Bietfieber Euer Bidkonto leer!

Regel Nummer vier:
Man weiß nie, wann eine Cent-Auktion zu Ende ist. Selbst wenn ein Mitbieter, der die ganze Zeit auf denselben Artikel geboten hat, aussteigt, kann es sein, dass ein bisher Unbeteiligter dazukommt und das ganze Bietvergnügen von vorne losgeht.

Regel Nummer fünf:
Es besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass man selbst der lachende Dritte ist --- über die Wahrscheinlichkeit könnt Ihr Euch nach meinen Schilderungen hoffentlich ein eigenes Bild machen.

Es steht natürlich jedem frei, sein Glück zu versuchen. Ich für mich habe allerdings entschieden, nicht mehr an Cent-Auktionen teilzunehmen.